Schwangerschaft
36+5
Es geht mir richtig gut. Ich habe endlich praktisch keine Schwangerschaftsbeschwerden mehr und bin emotional auch ausgeglichen.
Ich denke trotzdem noch ein paar Mal darüber nach, dass ich froh bin, wenn die 37. SSW vollendet ist.

Ich lese noch mal im Schwangerschaftstagebuch von Juri nach, damals hat meine Hebamme Miriam gesagt, dass sie ggf. auch mal ein, zwei Tage vor Beginn der Rufbereitschaft eine HG macht, dass sie das in jedem Fall mit der Frau gemeinsam entscheidet, ohne gleich zu verlegen. Irgendwie beruhigt mich das.
Ich fahre noch extra einkaufen, um die 3 Dinge zu besorgen, die ich für jede Geburt möchte: Mini-Traubenzucker mit Pfirsichgeschmack, Saftschorle in Flaschen mit Sportverschluss und Malzbier für nach der Geburt. Juri ist dabei und ruft im Laden dauernd „Pizza, Pizza“, ich denke „Warum nicht“ und hole spontan einen riesigen Stapel TK-Pizza.
Ich wasche alle Bettbezüge und richte auch das Babybett mit Nestchen her.
36+6
Wir fahren noch extra in den Babyfachhandel, weil ich unbedingt eine neue Matratze für den Kinderwagen kaufen und waschen möchte. Jetzt haben wir wirklich alles fürs Baby zusammen. Das Bedürfnis kam am Vortag ganz extrem.
Am frühen Abend grübele ich über den Geburtsort und lese in Juris Geburtsbericht. Ich beschließe spontan, die 1,40m breite Matratze auf dem Schlafzimmerboden mit Malerfolie zu beziehen und mir eine kleine Gebärecke im Schlafzimmer zu bauen. Dort findet auch mein Geburtsaltar Platz. Die Sachen dafür hatte ich vorher in meinem Arbeitszimmer, wo sie zwar sicher vor Juris kleinen Griffelchen waren, aber irgendwie auch vergeudet, weil ich dort sowieso nicht gebären würde.
Jetzt stehen auf dem kleinen Schränkchen im Schlafzimmer eine Rose von Jericho, ein Bild einer sich öffnenden Pfingstrose (danke nochmal an A. an dieser Stelle!), eine Juwelkerze in derselben Farbe der Rose, ein Ultraschallbild des Babies im Rahmen, eine Willowtreefigur von einer Frau, die schützend ein Neugeborenes im Arm hält und ein Glücksstein und eine Muschel, die mir Lewin geschenkt hat. Im Schränkchen habe ich noch eine Silberdose mit Lippenbalsam, Streichhölzern, Haarband, Traubenzucker.
Wir verbringen einen ruhigen Samstag. Abends habe ich ein paar stark drückende Übungswehen. Ich sage Maks, dass es sich anfühlt, als hinge der Babykopf zwischen meinen Beinen.
37+0
Wir haben gut geschlafen, Maks steht mit den Kindern auf und fährt zum Bäcker. Ich darf liegenbleiben und mich nochmal herumdrehen. Als ich gegen 8 Uhr auf Toilette gehe, zeichnet es etwas hellrosa, anders als die Schmiererei, die ich sonst so aus dieser Schwangerschaft kenne. Mal sehen, ob sich da noch etwas tut.
Gegen 9 Uhr kommen ein paar Wehen. Sie fühlen sich anders an als die Vorwehen in der Schwangerschaft bisher, wie eine Mischung aus fiesen Blähungen und Mensschmerzen. Ich beschließe, mich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, denn ich bin innerlich ja schließlich auf Geburt in etwa zwei Wochen eingestellt. Bis dahin habe ich auch noch einen sehr vollen Terminkalender.
Wir frühstücken also ganz genüsslich und ausgiebig, danach spielen die Kinder und wir bereiten einen großen Obstsalat vor. Für 11 Uhr haben sich zwei Freundinnen mit insgesamt 5 Kindern angekündigt. Erst denke ich noch, dass ich die Ablenkung ganz gut finde, aber dann habe ich ein komisches Gefühl. Der Kaffee schmeckt mir nicht mehr, ich bin innerlich etwas unruhig. Ich sage Maks: „Du, ich wollte Dir nur Bescheid geben, dass ich eine leichte Blutung und ein bißchen Wehen habe.“ „Kein Problem, ich bin bereit. Morgen ist ja Feiertag, also meinetwegen kann es kommen.“ „Ja, mal sehen, ich glaube es eigentlich nicht, aber ich wollte Dir trotzdem Bescheid sagen.“
Gegen halb 11 kommt Lewin zum Helfen in die Küche. Als ich während einer Wehe tief einatme, fragt er mich, ob das Baby jetzt die Zeichen macht, dass es bereit ist, zu kommen. Wir hatten einige Gespräche über Wehen und Geburt gehabt, er weiß bestens Bescheid und ist sensibel wie immer.
Ich gehe nach oben und sauge nochmal das Schlafzimmer gründlich, beziehe das Stillkissen frisch, außerdem putze ich sogar die Wickelkommode im Bad nebenan. Im Nachhinein scheine ich innerlich doch genau gewusst zu haben, was los ist.
Um 11 bin ich mir sicher, dass ich meine Ruhe will und bespreche mich mit meinen Freundinnen. Die eine ist noch nicht losgefahren, die andere ist gerade angekommen und nimmt Lewin mit. Juri macht bei Maks Mittagsschlaf. Maks möchte, dass ich meine Hebamme anrufe und vorwarne. Ich will das eigentlich nicht, weil ich keinen Fehlalarm will und mich der Gedanke auch irgendwie stresst. Außerdem ist Pfingstsonntag und ich will sie in Ruhe lassen. Aber Maks meint, dass es gerade deswegen besser ist, vorzuwarnen. Ca. 11.15 rufe ich sie also an und erzähle ihr vom Zeichnen und den leichten, aber „irgendwie anderen“ Wehen seit 9. Da ich selbst noch entspannt bin, einigen wir uns, dass sie in Ruhe noch ihren Besuch weiter draußen auf dem Lande macht und gegen Nachmittag vorbeikommt. Sie fragt, wie oft die Wehen kommen, ich kann das gar nicht beantworten, schätze so alle 10 Minuten, sehr unregelmäßig und kurz. Sie möchte, dass ich nochmal anrufe, falls die Wehen mit unter 7 Minuten Abständen kommen.
Ich lasse mir eine warme Badewanne ein, stelle die Heizung im Bad hoch und höre dort Musik. Ich rufe Maks und bitte ihn, oben die Heizungen anzustellen. Er kommt nochmal ins Bad und meint: „Die Heizungen oben sind gar nicht an oder welche sollte ich ausstellen?“ Ich muss lachen und erwidere, nein, Du sollst die Heizungen AN stellen! Ich merke da, dass er wieder etwas nervös ist.
Die „Wehen“ kommen teilweise mit nur 1,5 Minuten Abständen, aber so unregelmäßig, kurz und leicht, dass ich deswegen nicht anrufen würde. Maks fragt, ob wir Essen bestellen wollen, aber ich habe keine Lust und will auch kein Geld ausgeben, wenn sich nun doch nichts tut. Der Kühlschrank ist schließlich gefüllt und ich könnte sonst ja doch noch abends kochen.
Gegen 12 Uhr habe ich Lust, nach oben zu gehen und nehme mir noch eine Schüssel Cornflakes mit. Maks bleibt in seinem Zimmer und entspannt, ich soll mich melden, wenn ich etwas brauche. Ich bin froh, dass ich meine Ruhe habe und das Schlafzimmer so kuschelig und warm ist.
12.20 Uhr. Miriam ruft mich vom Ende der Welt an, um mir eine Festnetznummer zu geben, auf der sie für die nächste Stunde erreichbar ist.
Ich zünde meine Juwelkerze an und fülle die Schale, in der die Rose von Jericho liegt, mit Wasser.
12.30 Uhr. Ich versuche, eine Comedyserie zu gucken, gebe ca. 13 Uhr auf. Bin unruhig. Ich trinke kalte Apfelschorle und gehe gefühlt alle 5 Minuten nebenan pinkeln. Mir wird es zu doof, immer die Hose an- und auszuziehen und außerdem ist mir bullenwarm. Ich mache mich komplett nackt und ziehe eine leichte weiße Tunika über. Im Schlafzimmer ist es dank zweier Heizungen auf voller Kraft sehr warm. Zwischendurch reiße ich immer mal die Fenster auf und lüfte durch. Ich wandere im Schlafzimmer umher, irgendwann hole ich mir den Pezziball von unten und kreise darauf ein bißchen das Becken.
13.00 Uhr. Ich begebe mich im hohen Vierfüßler aufs Bett, lese auf meinem Tablet Geburtsberichte und höre Musik. Die Wehen kommen sehr unregelmäßig, ziehen aber kräftig und drücken stark. Eine Weile schreibe ich die Abstände auf dem Handy mit, aber irgendwie nervt es einfach nur, weil sie eh alle 1,5 Minuten kommen und 30-40 Sekunden dauern, aber nicht stärker als Regelschmerzen sind. Nichts Brauchbares, nichts eindeutig geburtiges.
13.15 Uhr. Juri ist wach und Maks bringt ihn zu meinen Freundinnen, wo schon Lewin ist. Als er aus dem Haus ist, kommt die erste kräftige Wehe, bei der ich nun sicher bin, dass ich gerade gebäre.
13.30 Uhr. Ich rufe meine beste Freundin an, die eigentlich bei der Geburt dabei sein wollte und sich extra eine Woche vor und nach dem errechneten Termin Urlaub genommen hatte. Sie wohnt ca. 50km entfernt und hat keinen PKW. Ich erreiche nur die Mailbox und erzähle ihr etwas konfus, dass das Baby sich anscheinend schon auf den Weg macht.
Die Wehen kommen immer noch sehr unregelmäßig, drücken aber sehr stark. Ich töne das erste Mal etwas.
Das Baby ist sehr ruhig, auch während der Wehen, es strampelt selten und ganz zart, fühlt sich nicht gestresst an. Ich habe das Gefühl, mit den Wehen sehr gut zurechtzukommen.
13.35 Uhr. Maks ist wieder da und bleibt erstmal unten.
14.00 Uhr. Meine beste Freundin ruft zurück. Obwohl ich mehrmals sage, dass das alles noch dauert und ich eh nicht so recht weiß, was das wird, und sie mal ganz langsam machen soll, ignoriert sie mich, glücklicherweise. Sie kommt in ca. 1,5 Std. und ich habe kurz Sorge: habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Irgendwie komme ich aus dem Takt und habe kurz Angst, dass die Anwesenheit anderer Menschen bei der Geburt doch hinderlich wird.
Ich schaue mir die 4. Alleingeburt von owaki an und merke, wie das die Wehen ankurbelt.
14.30 Uhr. Ab jetzt wird es schon langsam schmerzhaft, ich mag nicht mehr lesen. Die Wehen sind kräftig, aber noch immer recht kurz. Das Baby bewegt sich immer noch kaum, und ich habe deswegen irgendwie ein komisches Gefühl. Ich rufe deshalb Miriam an, die inzwischen wieder zuhause ist. Sie fragt, ob sie noch kurz essen kann und will danach dann vorbeikommen. In meinen Geburtsnotizen steht: „Finde ich gut“.
14.40 Uhr. Es fängt prasselnd an zu regnen und ich habe kurz das Gefühl, ich müsste weinen. Es tut weh und drückt so sehr, aber ich kann es aushalten, muss aber immer wieder auch tönen. Es fängt an, zu gewittern und ich denke: Schau, es wird eine Räubertochter. Der Gedanke gefällt mir sehr.
15.00 Uhr. Gottseidank kann ich endlich meinen Darm entleeren. Bei der letzten Geburt kam das während der Presswehen und das war nicht schön.
15.15 Uhr. Meine Freundinnen haben Maks angerufen. Juri ist unruhig und fragt viel nach mir. Maks fährt los, um die Kinder zu holen und Jeanine am Bahnhof einzusammeln und fragt mich, wie es mit Essen aussieht, ob er von unterwegs etwas mitbringen soll. Ich kann über so etwas jetzt gar nicht nachdenken und schicke ihn weg. Als er aus dem Haus ist, werden die Wehenpausen etwas größer, aber die Wehen fangen an, extrem stark zu drücken.
Maks ruft mich an und fragt, was er mit den Jungs machen soll und ob er noch Essen mitbringen soll. Ich sage ihm, dass er erstmal Jeanine herbringen soll und dann schauen wir weiter, ich will nichts essen und kann jetzt nicht reden.
15.40 Uhr. Miriam kommt an und geht über die Terrassentür ins Haus. Sie kommt gerade ins Zimmer, als ich eine Wehe habe. Es drückt so heftig, dass ich das Gefühl habe, mitschieben zu müssen und entsprechende Geräusche gebe ich von mir. So starken Schiebedrang und Druck hatte ich bei Juri kurz vor der Pressphase, ich bin nun sicher, dass das Baby jetzt jeden Moment kommen könnte. Mir ist schlecht. Miriam meint „Oh, Du bist aber ja schon voll dabei!“ und fragt, ob sie untersuchen kann, weil ich mich nach Übergangsphase anhöre und sie wissen will, ob sie sich jetzt beeilen muss.
Ich willige ein und sehe dann nach dem Tasten nur, wie sie den Kopf schüttelt und meint, „Alles gut, es fühlt sich nur so an, wir haben Zeit. Muttermund ist fingerdurchlässig.“ Innerlich bricht für mich eine Welt zusammen. Ich sage nur: „Oh bitte nicht, das kann nicht sein, es drückt so! Ich fühle mich wie kurz vorm Pressen!“ Die nächste Wehe kommt schon und ich kann gar nicht anders, ich muss schieben. Es ist ein unerträglicher Druck auf meinem Becken. Was ist das, wieso arbeitet mein Körper so verkehrt? Wie kann ich mich so in meinem Gefühl täuschen? Wie soll ich das jetzt noch stundenlang aushalten?
Miriam setzt sich hin, nimmt mich in den Arm und sagt, dass das gar nichts zu bedeuten hat, dass es einfach zuviel Stress und Organisation um mich herum ist und wenn alles geregelt ist, der Muttermund sofort aufgehen kann. Sie drückt mich, sagt „Ich hab Dich lieb, wir zwei schaffen das jetzt zusammen“.
Dann empfiehlt sie mir, in den Vierfüßler zu gehen und dabei den Kopf richtig tief und den Po ganz weit oben zu lassen, um den Druck so gut es geht, vom Becken zu nehmen. Ich soll möglichst nicht schieben, sondern ruhig atmen und tönen.
Maks kommt mit den Kindern und Jeanine an. Er bespricht sich kurz mit Miriam und mir, hilft noch, ein paar Sachen für die Geburt bereitzustellen und fährt dann mitsamt den Kindern zu seiner Mutter.
Miriam entschuldigt sich, dass sie so unvorbereitet ist und eine Unterschrift von mir braucht. Dabei kann sie doch gar nichts dafür, dass wir alle so überrumpelt sind. Das Abschlussgespräch war erst für zwei Tage später angesetzt. Sie sagt, dass die Zweithebamme jetzt auch gerade gar nicht da ist und stattdessen eine andere Hebamme aus dem Team kommen, aber unten oder im Nebenzimmer warten wird, ob das für mich ok sei. Ich habe keine Einwände, im Moment ist mir vor Schmerz irgendwie eh alles egal.
Jeanine hilft Miriam noch, ein paar Sachen vorzubereiten und auch während der Geburt holt sie immer mal etwas, was gerade gebraucht wird. Ich kriege das alles nur am Rande mit.
16.15 Uhr. Als alles erledigt ist und Ruhe einkehrt, kann ich mich langsam besser auf die Wehen einlassen. Jeanine hat mir Rosen mitgebracht, die nun vorm Schränkchen auf dem Boden stehen. Ich bin immer noch im Vierfüßler, den Po weit oben. Jeanine sitzt neben mir auf dem Boden, reicht mir Trinken, spricht mit mir in den Wehenpausen, ist einfach da. Ich bin froh. Wir machen Scherze in den Wehenpausen, irgendwann werden wir ganz still, ich versuche, in Gebärtrance zu kommen und meine beiden Helferinnen spüren das sofort. Es ist eine ganz einzigartige Atmosphäre in diesem Zimmer. Während der Wehen hält Jeanine meine Hand, Miriam legt ihre Hand auf mein Kreuzbein. Ich muss lachen, weil sie sonst immer so eisige Hände hat, dass sie sich diese beim Bauchabtasten erstmal halbwegs warm reiben muss, doch heute sind ihre Hände so warm wie ein Kirschkernkissen!
Der Druck ist massiv, Miriam kann ihn an meinem Becken in den Wehen spüren. Ich gehe dazu über, sehr viel wie ein Pferd zu prusten.
Die Wehen kommen immer noch ziemlich chaotisch. Mal unerträglich lang, mit zwei Höhepunkten, dass ich tief brülle wie ein Ochse, mal flach und gut zu veratmen, dass man mich kaum hört. Kommt eine Wehe, vergrabe ich mein Gesicht im Kissen, halte mich mit einer Hand am Bettrand fest und mit der anderen an der Matratze. Meine Nase ist verstopft, ich muss durch den Mund einatmen, was mich sehr nervt. Miriam sagt mir, dass es nicht schlimm ist, wenn ich durch den Mund ruhig atme. Sie legt ihre Hand auf mein Kreuzbein und sagt leise und ruhig, „Wenn die Wehe vorbei ist, nimm die Pause mit.“ „Da ist keine Pause, es schmerzt einfach durchgängig, auch wenn die Wehe weg ist!“ „Ok, dann nimm die halbe Pause.“ Und irgendwie funktioniert das. Dieser drückende Schmerz ist die ganze Zeit da, aber ich finde irgendwie die Kraft, ihn auszuhalten und mich zu öffnen. Habe ich vorher das Gefühl gehabt, hilflos im Meer zu stehen und von den Wellen hin- und hergerissen zu werden, so kann ich mich jetzt treiben lassen und mit ihrer Gewalt mitgehen.
Ich spüre jetzt auch immer wieder das Baby, es stößt sich mit den Füßen in mir ab, aber ganz zart. Miriam fragt mich dann immer, wo ich die Kleine spüre, damit sie die Herztöne schneller abhören kann, aber ich vergesse es jedes Mal.
Ich knie mich jetzt wieder auf die Matratze vorm Bett, den Oberkörper aufs Bett gestützt. Ich probiere alle Techniken, die ich kenne, um die Wehen zu ertragen: Ich konzentriere mich auf die Yoga-Musik, auf die Kerze, auf den Duft im Raum, auf die Blumen hier. Ich veratme, ich töne, ich schnaufe, ich pruste, ich visualisiere Wellen, sich öffnende Blüten, ich sage im Geiste Mantren, ich schaue mit geschlossenen Augen aufs dritte Auge und fixiere mit geöffneten Augen Punkte im Raum, ich fluche, ich bewege mich, ich mache die urigsten Dinge – mal schüttele ich in den Wehen den Kopf wie ein störrisches Pferd, kreise mein Becken, öffne und schließe meine Hände, die sich unter den Wehen immer wieder ins Laken krallen, ja selbst meinen Kiefer lockere ich, indem ich den Unterkiefer unter und nach den Wehen hin- und herwackeln lasse. Kurzum, ich biete alles auf, was mir irgendwie in den Sinn kommt, um diese unerträglichen Schmerzen anzunehmen und zu erleichtern. Aber irgendwann erreiche ich die Grenze des Machbaren und ich denke tatsächlich unter dieser Geburt: Scheiße, ich schaffe das nicht bis zum Schluss. Ich spüre, wie sich meine Kraft dem Ende zuneigt. Mir geht in Sekundenschnelle so viel durch den Kopf: ich denke, gleich brauche ich doch den Rettungswagen und die PDA, oder sie schneiden mich auf. Ich wollte doch noch mehr Kinder, aber das hier halte ich nicht noch mal aus. Warum ist diese Geburt so heftig? Ich bin noch gar nicht bereit!
„Miriam“, sage ich ganz ruhig, als die nächste Wehe vorbei ist. „Ich bin jetzt an dem Punkt, wo ich nicht mehr länger durchhalte.“
„Du, ich glaube, das ist die schwarze Wolke. Möchtest Du, dass ich mal nachgucke?“
„Ja, bitte.“
16.55 Uhr. Wir warten die nächste Wehe ab, dann lege ich mich schnell auf die Matratze. Miriam untersucht mich und ja, es ist fast geschafft! Muttermund fast vollständig. Ich bin so froh, dass ich jetzt gleich endlich aktiv mitschieben und gebären kann! Der Gedanke, es gleich geschafft zu haben, mobilisiert noch einmal alle verbliebenen Kräfte in mir. Ich knie mich wieder hin und lege den Oberkörper auf dem Bett ab. Vor mir liegt das Tablet, das Yogamusik spielt. In diesem Moment fängt das Mantra an: Bountiful am I. Blissful am I. Beautiful am I. Ich denke, genau, was ich gerade brauche, und freue mich.
Meine Beine zittern, und mir ist schlecht. Der Rest der Übergangsphase, gleich geschafft! Miriam bietet mir eine Brechschüssel an, aber ich weiß, dass ich eh nicht spucken muss. In den Wehenpausen reißt Jeanine kurz die Fenster auf, damit ich durchatmen kann. Oh, ist das ein Druck in meinem Becken. Ich habe das Gefühl, dass es mich fast zersprengt. Bei jeder Wehe kralle ich mich fest ins Bettlaken und ziehe daran, um diesen Druck auszuhalten. Miriam sitzt links neben mir, sieht, wie ich mich winde und redet mir gut zu: „Du bist ganz weiiit. Ganz weich und weit. Du kannst Dich öffnen und Platz für Dein Baby machen.“ Ich schiebe und fasse in der Wehe zwischen meine Beine, um zu tasten, ob ich den Kopf fühle, aber ich habe nur Blut an meinen Händen, das ich schnell in die Auflagen wische.
Jeanine hat jetzt die Fenster geschlossen, sitzt rechts neben mir und hält in der Wehe meine Hand ganz fest. Miriam bittet Jeanine, dass sie sich von der anderen Seite aus auf mein Bett legt und meine Hände fasst, damit ich mich in den Wehen hinein hängen kann. Gleichzeitig kniet sie sich hinter mich und drückt in der Wehe mit je einer Hand von unten gegen eine meiner Pobacken. Ah, das ist perfekt! Nun habe ich irgendwie doch meinen Gebärhocker, einen lebendigen Vierfüßler-Gebärhocker namens Miriam. Dieser Gegendruck ist so hilfreich, ich kann mich nun richtig reinhängen, fallenlassen und gleichzeitig mitschieben. Tut das gut! In einer Wehe massiert Miriam kurz das Kreuzbein und ich sage gleich, nein, bitte wieder Po stützen. Wahnsinn, wie viel das bringt. Ich schiebe und schiebe, ganz gezielt, nicht mit dem Bauch, nur mit dem Beckenboden. Ich bin ganz fasziniert von diesem Gefühl, und den vertrauten Geräuschen, die ich automatisch mache. Miriam findet das auch klasse und sagt mir, wie großartig ich das mache. Irgendwie finde ich das lustig, weil ich doch eh gar nicht anders kann. Als ob sie mich fürs atmen loben würde, aber auch das will ja unter der Geburt gekonnt sein!
Wehenpause. Ich atme tief durch und sage Miriam, dass ich diesmal mein Kind wirklich als erste berühren möchte. Beim letzten Mal hatte sie Juri zwar nur aufgefangen, damit er nicht auf den Boden knallt, aber diesmal möchte ich auch das selbst machen und mein Baby einfach auf die Matratze rutschen lassen. Sie fragt mich, ob sie das Baby denn vielleicht ein wenig geleiten und nach vorn durchschieben soll, aber ich sage, dass ich das diesmal selbst mache.
Eine Welle rollt an. Aber huch, was ist das? Sie ist gar nicht schmerzhaft, ich atme ganz ruhig mit ihr mit. Als sie vorbei ist, frage ich Miriam verdutzt, was das denn war? Ich muss sogar lachen.
Sie fragt mich, ob ich warme Kompressen am Damm haben will, aber ich möchte nicht.
17.25 Uhr. Oh, da kommt die nächste. Nun kommt wieder ein so unerträglicher Druck, dass ich denke, diesmal sprengt es mich wirklich in zwei Hälften. Ich schiebe und gebe ein Gnnnnnn von mir, und mit einem Mal gibt es einen Knall, den man wohl im ganzen Haus gehört hat und etwas schießt mit unglaublichem Druck und einer Wucht aus mir heraus auf die Matratze, dass ich mich total verdutzt umschaue und Miriam frage: „Äh, war das jetzt schon das Kind?“
Wir müssen lachen, es war nur die Fruchtblase, aber auch Miriam meint, „Was da für ein Druck dahinter war!“ Ich glaube, in diesem Moment kommt auch die Zweithebamme herein, die sich bis dahin im Nebenzimmer aufgehalten hatte.
Schade, Geburt also noch nicht geschafft, denke ich, und ich glaube, ich sage es auch, weil Miriam meint: „Aber jetzt geht es wirklich ganz schnell.“ He, es ging doch die ganze Zeit schon so schnell...
Und schon kommt die erste Presswehe. Ich denke kurz vorher noch, langsam machen diesmal, damit Du heil bleibst, aber „gnnnnnn“, keine Chance, mein Körper und mein Kind haben das Kommando übernommen, mein Kopf hat da kein Mitspracherecht mehr. Ich kann nicht mehr wie geplant zwischen meine Beine fassen, um den Kopf herauszugeleiten, weil die Wehen zu wuchtig sind, als dass ich Jeanines Hände loslassen könnte.
Ich spüre, wie sich der Babykopf in einer einzigen Wehe fast komplett herausschiebt und denke noch mal „Verdammt, das war ja nochmal so ein unangenehmer Teil der Geburt, gleich brennt‘s“. Dann kommt direkt die nächste Presswehe und diese Wehe aus meinem tiefsten Inneren schiebt nicht nur den Kopf meines Kindes unten aus mir heraus, sondern zeitgleich oben aus meinem Mund einen Urschrei, der durch Zeit und Raum geht und ich spüre für eine unendliche Sekunde wieder die unbeschreibliche Verbindung zu allen Gebärenden von Anbeginn der Menschheitsgeschichte bis in alle Zeiten...
...und dann ist der Kopf da, und noch während ich sage, „Oh, Gottseidank“, rollt sofort die nächste Wehe heran, das Baby dreht sich und flutscht aus mir heraus auf die Matratze. Ich knie mich hin und fange für einen Moment fast an, vor Erleichterung zu weinen, aber dann höre ich mein Baby schreien. Ich schaue hin, da liegt das Menschlein, ganz weiß von einer dicken Schicht Käseschmiere, ah, es ist wirklich ein Mädchen. Ach Gott, was bist Du klein! 17.27 Uhr.
„Hallo Mäuschen!“, sage ich, „Was hast Du es denn so eilig gehabt?“
Ich nehme sie hoch, sie ist so winzig und wacklig und schmierig, dass ich sie kaum greifen kann. Aber ich möchte sie an mich drücken. Ich lege mich mit ihr auf der Matratze hin und bin so froh, dass es geschafft ist. Sie ist ganz unglücklich und schreit, es ging auch für sie bestimmt viel zu schnell.
17.29 Uhr. Wir werden in warme Handtücher gehüllt, ich rufe Maks an und stelle das Handy auf Lautsprecher: „Hörst Du Deine Tochter?“ Sie muss sich immer noch ganz laut beschweren. Er macht sich auf den Weg.
Ich versuche, sie anzulegen, aber sie ist viel zu aufgeregt und so warte ich noch mal und streichle und küsse sie.
Maks kommt hoch, erstmal ohne Kinder, weil es noch ein bißchen nach Schlachtfeld aussieht und ich erst die Plazenta gebären möchte. Lewin hatte mir vorher noch gesagt, dass er diese nicht angucken möchte, das ist ihm zu eklig und von Blut anschauen kippt er auch um.
Diesmal finde ich es auch gar nicht schlimm, dass ich gleich noch mal gebären soll. Wir versuchen es schon mal in Seitenlage, aber ich habe noch keine richtige Nachgeburtswehe und will nicht einfach so losdrücken. Miriam sagt, ich soll mir so viel Zeit nehmen, wie ich brauche, das kommt schon noch. Sie massiert mir die Füße, das ist so schön!
Ich lege die Kleine noch mal an und nun trinkt sie wirklich ihre ersten Schlückchen Kolostrum. Dann versucht sie, uns anzuschauen – gar nicht so einfach, mit der dicken Vernixschicht auf den Wimpern und der Stirn. Sie muss kräftig dagegen anblinzeln und bekommt eine dicke Stirnfalte und ein bezauberndes Schielen zustande. Sie sieht ganz anders aus als ihre Brüder, ich bin überrascht und neugierig und gleichzeitig schon schwerst verliebt.
Ich bekomme furchtbaren Hunger und Jeanine serviert mir etwas vom Gyros, das Maks mitgebracht hatte, aber nach zwei Bissen mag ich nicht mehr.
Ich werde dann aber irgendwann doch unruhig und möchte jetzt die Nachgeburt und Damminspektion hinter mich bringen und meine Kinder endlich alle bei mir haben. Maks legt sich also neben mir aufs Bett, zieht sein Shirt hoch und will seine Tochter auf die Brust nehmen. Miriam nimmt sie hoch, um sie ihm zu reichen und ich frage: „Mhm, willst Du nicht erstmal abnabeln? Ich glaub, so lang ist die Nabelschnur dann doch nicht...“ Wir müssen lachen, sie hat das tatsächlich vergessen. So eine Geburt ist eben auch für die Helfenden ein Kraftakt.
Die Nabelschnur ist gut auspulsiert, ich glaube, die Geburt ist jetzt etwa 1,5 Stunden her. Auch diesmal möchten weder Maks noch ich die Nabelschnur durchschneiden, Jeanine hat die Ehre, ich freue mich total, dass sie Lust dazu hat.
Nun kuschelt Maks mit seiner Tochter und ich knie mich nochmal wie bei der Geburt vors Bett. Ich spüre, wie die Plazenta herunterrutscht. Miriam will noch vorsichtig an der Nabelschnur ziehen, um zu schauen, ob sie gelöst ist, aber ich bitte sie, das zu lassen, weil ich schon spüre, dass sie jetzt einfach von allein herausgleitet. Dann ist sie da und ich finde sie irgendwie auch ganz klein, passend zum Minibaby. Andrea, die Zweithebamme, schneidet mir auf meinen Wunsch hin ein Stückchen ab, das ich mit Apfelschorle herunterspüle. Schmeckt nicht so schlimm wie erwartet und bleibt auch drin.
Es klingelt, gerade jetzt kommt auch die Schwiegermutter mit den Kindern und will schon gleich nach oben spazieren. Maks fängt sie ab und Jeanine setzt sich sogar extra noch vor die geschlossene Tür wie eine Tempelwächterin, damit ich mich entspannen kann.
Ich habe riesige Angst vor der Damminspektion und vorm eventuellen Nähen. Ich fange im Vorfeld schon mal an, zu diskutieren, ob ich um die Naht herumkomme, obwohl noch gar nicht klar ist, wie überhaupt die Lage ist. Aber wir sind beide sicher, dass da schon etwas gerissen ist. Miriam ist wie immer sehr einfühlsam und ganz vorsichtig und umso mehr freue ich mich, dass ich diesmal bis auf eine kleine Schürfung doch tatsächlich heil geblieben bin! Nach zwei Dammrissen 2. Grades bin ich unendlich froh und auch stolz, dass meine Vorbereitungen und Überlegungen also doch etwas gebracht haben, und das trotz der rasanten Geburt. Ich bin sicher, dass es neben der Gebärhaltung auch daran liegt, dass ich nur mit dem Beckenboden geschoben und nicht mit den Bauchmuskeln gepresst habe.
Dann werde ich ganz liebevoll mit warmem Wasser etwas gewaschen, denn duschen möchte ich gerade nicht, aber auch nicht blutverschmiert die Kinder begrüßen. In meinem Gesicht ist auch ein Abdruck, wo ich die Kleine an mich gedrückt habe.
Endlich können die Kinder ihre winzige Schwester bewundern. Lewin ist wieder einmal hin und weg und gratuliert mir zur Geburt wie ein Erwachsener. Juri möchte das Baby streicheln, danach fragt er gleich: „Heia machen?“ – er ist total erschöpft. Maks geht mit ihm nach unten, um ihn schlafen zu legen. Ich liege mit meinem Großkind und dem Winzling im Bett und lasse mich verwöhnen, bekomme Pralinen und eine selbstbemalte Kerze vom Sohn und bin einfach nur froh, es geschafft zu haben. Lewin ist wie immer goldig: „Mama, ich bin so stolz auf Dich. Wie soll ich Dir nur danken, dass Du mir so eine süße Schwester geschenkt hast?“ Ich mache ein Foto von ihm und der Kleinen.
Es ist nicht so leicht, sie ganz warm zu halten, sie sackt so sehr in sich zusammen, dass ich sie mir nicht richtig auf die Brust legen kann. Ihre Händchen und Füßchen werden immer wieder blau, sodass ich diesmal doch Miriam bitte, dass wir sie nun vermessen, wiegen und anziehen, damit sie die Temperatur etwas besser halten kann, wenn sie neben mir im Arm liegt. Also machen wir die U1, ich schätze, etwa drei Stunden nach der Geburt.
3000 Gramm
48cm
35cm KU
Lucia Lavinia – die Leuchtende, die Reine
– mögest Du immer so strahlen wie Dein Bruder J. und Dir ein so reines Herz bewahren wie Dein Bruder L. –
in unendlicher Dankbarkeit und Demut, Deine Dich liebende Mama