Bilderbuchmäßig

… blühte ich zwei Tage vor der Geburt kräftemäßig nochmal auf. Vieles Vorgenommene und nicht Geschaffte holten wir diesen Samstag nach: spontan das Wohnzimmer einrichten, die Schultüte zumachen und wegpacken, den Pool endlich probeaufblasen, dabei merken, dass Adapter fehlten und diese nachkaufen, Meikes Wochenbetttasche durchgucken und wegpacken… Abends hatte ich eine nasse Unterhose, einen süßlichen Geruch. Nochmal Schleim? Aber so flüssig? Erst als ich am nächsten morgen im Sitzen starken Ausfluss hatte, recherchierte ich und rief doch Meike an – ist es Fruchtwasser? Meike war gelassen, kam aber vorbei – der Geruch passte, es könnte aber auch tatsächlich einfach nur Schleim sein. Sie hat in ihrer Geburtenplanung noch nicht so früh mit mir gerechnet.

Der Fruchtwassertest war dann aber doch positiv: ich hatte einen Blasensprung. Den ersten Abgang hatte ich am Vorabend gegen 21 Uhr bemerkt, nun war es mittags. Es war so klar wie surreal – die Geburt sollte bald losgehen. Wenn ich nicht in den nächsten Stunden Wehen bekäme, müssten wir in die Klinik. Ich war aufgeregt, verunsichert und wütend. Nach zwei vorherigen Fehlgeburten und einer Verlegung ins Krankenhaus unter der Geburt wollte ich nun so sehr eine komplikationslose Geburt (aber wer will das nicht…).

Nach wehenfördernden Massagen und Nachtkerzenöl hieß es nun Ausruhen für die Geburt und Essen!

Dass der Muttermund weich und schon auf 2cm war, gab mir Mut. Ich versuchte zu schlafen und zu essen und gleichzeitig richteten wir das Geburtszimmer her – Malerfolie auf die Matratze und vors Bett, Geburtstuch aufhängen, Vlies auslegen, Essen bereitstellen, Mama Bescheid geben, dass sie sich bald auf dem Weg machen kann/muss. Ganz in Ruhe konnten wir alles vorbereiten und gemütlich gestalten, so wie ich es mir auch gewünscht hatte -jedoch eigentlich mit langsam losgehenden Wehen und nicht auf Wehen wartend.

Nachmittags briet ich mir auf Anraten von Meike ein Spiegelei in 3ml Rhizinusöl. Aber nichts passierte. Circa alle 2h hielten wir Rücksprache mit Meike. Außer ausruhen konnten wir nichts tun. Ich versuchte es trotzdem mit viel Ingwer und Zimt. Abends gab es dann nochmal Spiegelei und da mir so langsam die Decke auf den Kopf fiel vom vielen Ausruhen, gingen wir noch eine kleine Runde spazieren – mit dem Wissen, dass es für mich für eine Weile die letzte Runde sein würde. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon sehr missmutig, wir sahen uns eigentlich schon in der Klinik. Mit Meike war abgemacht, wenn Nachts nichts passiert melden wir uns gegen 7, müssen dann aber wahrscheinlich in die Klinik.

An schlafen war für mich nicht zu denken, das Licht war erst nach 0 Uhr aus. Ich aber merkte plötzlich was! Kleine Krämpfe, noch gar nicht als Wehen zu vernehmen. Ich schaute auf die Uhr – alle 2 Minuten. Ich weckte Tarek. Es war mittlerweile 1 Uhr. Gegen 1:20 Uhr riefen wir Meike an. Auch da waren die Wehen regelmäßig, wurden doller aber ich habe zumindest noch versuchen können sie zu verschlafen. Derweil machte mein Partner gemütliches Licht an, einige Kerzen, alles andere war ja schon vorbereitet, sonst hätte ich dazu wahrscheinlich keine Ruhe mehr gehabt. Als Meike um 2 Uhr dann ankam, war ich schon längst , am Bett kniend, auf den Boden gewandert. Ich musste die Wehen mittlerweile veratmen und diese ließen mir dazwischen kaum Pausen. Tarek und Meike ließen Wasser in den Pool ein während ich versuchte mein Becken zu kreisen, in den Pausen erschöpft meinen Kopf ablegte und mit dem Veratmen der Wehen regelmäßig gähnen musste – zum Schlafen bin ich ja gar nicht mehr gekommen.  Ich spürte einen Druck. Obwohl Meike meinte, dass es das Baby sei, wagte ich mich nochmal aufs Klo. Danach ging es in den Pool.

Im Wasser zu sein war total angenehm und gleichzeitig brauchte ich eine Weile, um Halt und eine bequeme Position zu finden. Meike strahlte eine große Ruhe aus. Sie überprüfte regelmäßig Babys Herztöne, untersuchte mich aber insgesamt nur einmal und das erst nach einer Weile im Pool. Ich war weiterhin baff von den kurzen Wehenabständen. Sie beunruhigten mich: solch kurze Abstände schaff ich nicht die ganze Zeit! Tarek versuchte mir Halt zu geben, unterstütze mich in den Wehen und ermutigte mich, andere Positionen auszuprobieren. Mittlerweile wurde es zumindest für ihn real – bald haben wir unser Baby. Ich war weiterhin in meinem Film – das schaff ich nicht so lang.

 Es war erst circa eine Stunde rum, aber ich war schon so erschöpft! Gleichzeitig wusste ich was ich brauchte – Traubenzucker, Energie! Meike untersuchte mich und gab mir Mut, ich bin schon weit –  da war mein Muttermund auf 6 Zentimeter geweitet. Ich versuchte mich ans Tuch zu hängen, an Tarek, über den Poolrand nach vorne und lehnend, hockend im Pool – das Wasser tat weiterhin gut aber ich fand keine bequeme Position mehr, ich verspürte einen großen Druck nach unten, dem ich aber irgendwie noch nicht nachgeben konnte. Gedanken kreisten – warum tun sich Menschen das an? Warum nicht einfach eine PDA? Warum unbedingt so natürlich zuhause – mit so wenig Möglichekit für Schmerzlinderung? Ich hatte das Gefühl zu versagen – ich kann doch nicht schon nach 90Minuten solche Gedanken haben? Bin ich zu schwach für eine Geburt?

Meike gab mir keine Anweisungen, sondern lobte mich für meine Ruhe, mein Atmen, meine Langsamkeit, was ich aber gar nicht fühlte.  Es war aber der Grund dafür, dass sie mir so wenige Weisungen gab: sie hatte den Eindruck ich wüsste genau was ich täte, ließe die Wehen langsam kommen, presste nur vorsichtig – ich wiederum versuchte das Pressen zu unterdrücken, weil ich dachte, dass es dafür noch zu früh sei.

Erst  als ich hörte, dass die Zweithebamme käme, konnte ich dem Pressen nachgehen. Als ich ihre Schritte im Treppenhaus hörte, dachte ich, jetzt sind wir soweit, jetzt darf das Baby kommen, Meike ist nicht mehr alleine. Gefühlt nach zweimal pressen, wenigen Minuten spürte ich, der Kopf war geschafft – Vera hatte gerade so Zeit sich umzuziehen.

Es tat so weh, und tat gleichzeitig so gut, dem Druck nachzugeben. Ein ziehender, beißender Schmerz, der mir aber sagte – er geht gleich vorbei, es tut einmal, vielleicht zweimal dolle weh, dann wird es besser. Das konnte ich viel besser aushalten als den Druck und die einzelnen Wehen – die mich zwar auch Stück für Stück ans Ende bringen, wobei aber das Wann so unklar war.

Nun wartete ich also auf die nächste Wehe, plötzlich kam mir die Pause wie eine Ewigkeit vor. Ich wollte pressen, ohne Wehe ging aber nichts. Ich bekam kurz Panik – was ist wenn keine Wehe kommt? Vera und Meike waren gelassen – warum? merken die nicht das was nicht stimmt? Puh, dieses Zeitgefühl – die Wehe kam natürlich. Im gleichen Abstand wie sonst auch, wie mir alle später versicherten. Anuk war da! Ich war irgendwie überrascht, überwältigt und erleichtert!

Ich drehte mich um, lehnte mich völlig erschöpft an den Pool und empfing Anuk in meinen Arm. Sie schrie, kaum war sie aus dem Wasser raus. Voller Käseschmiere und ganz zerknautscht. Wir blieben noch einen Moment im Pool und sagten uns hallo – Anuk mit einem Handtuch bedeckt. Wir beide fingen an, heftig zu zittern. Die Anspannung fiel ab, die Anstrengung der Geburt machte sich bemerkbar. Tarek, Meike und Vera halfen uns aus dem Pool raus, ich war total wackelig, konnte mir nicht vorstellen, wie wir es aufs Bett schaffen sollten. Aber mit geübten Handgriffen enttüdelten beide Hebammen uns, stützen mich, rubbelten mich trocken und halfen mir aufs Bett. Anuk immer noch schreiend und nun auch suchend. Ich konnte direkt stillen während Meike und Vera Unterlagen ausbreiteten und wir auf die Nachgeburt warteten. Nach der Untersuchung auf Vollständigkeit dieser wurde ich noch genäht. Anuk konnte die ganze Zeit bei mir sein, die U1 hatte keine Eile.

Ich konnte nun endlich duschen. Und spätestens hier war ich so dankbar über die enge Betreuung zuhause – hat sich also doch gelohnt;) Tarek konnte endlich mit Anuk bonden, Meike hielt für mich eine Vorlage, damit ich auf dem Weg kein Blut auf den Boden verliere. Sie wartete im Bad, ich brauste mich ab. Ich war wackelig auf den Beinen, Meike trocknete meine Beine und half mir in Höschen und Windel – ich erinnerte mich dolle an die Klinik. Auch hier hatte ich das Bedürfnis früh zu duschen und war ganz angestrengt davon, wieder trocken zu werden und mich anzuziehen.

Endlich sauber konnte unsere Große zur U1 kommen und Vera verabschiedete sich. Die Momente des Zweifelns an mir blieben noch einige Tage, die schnell einsetzenden Wehen hatten mich überwältigt.  Doch nun kann ich mit großer Dankbarkeit und Zufriedenheit auf diese schöne behütete Erfahrung im heimeligen Schlafzimmer zurückschauen.

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